Wochenrückblick und Pressestimmen

Diesmal möchte ich den Wochenrückblick mal kombinieren mit Pressemeldungen zu Lufthansas Coup während der Schlichtung Tatsachen zu schaffen, indem für den Flughafen Hamburg Germanwings eingeführt wurde und gleichzeitig am Donnerstag in einem eilig und kurzfristig einberufenen Pressegespräch der Name der geplanten Billigtochter „Direct4U“ verkündet wurde.

Das Handelsblatt fasst das im Titel treffend zusammen: „Germanwings heißt jetzt Germanwings“, der Name bliebe gleich, sonst jedoch soll alles anders werden – das Marketing arbeitet auf Hochtouren, wie Horizont.net berichtet. Also gerade nicht, „Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix“.

Daß aus Kundensicht der Übergang des Europa-Verkehrs auf Germanwings kaum Glücksgefühle hervorruft war schon öfter mein Thema. Viel dreister erscheint es mir dennoch, mitten in der Schlichtung, in der es auch um Direct4U gehen soll, den Gesprächs- und Verhandlungspartner so dermaßen zu überfahren. Das ist meiner Meinung nach unanständig.

So wird auch im oben genannten Handelsblatt-Artikel Nicoley Baublies, der Vorsitzender Flugbegleitergewerkschaft Ufo zitiert:

Die Unternehmensführung um Chef Christoph Franz suche offenbar die Konfrontation mit der Belegschaft in der Kabine wie auch am Boden.

Das Traurige ist, daß Konfrontation der Managementstil zu sein scheint: Nicht nur mit den Mitarbeitern, sondern auch mit den Kunden sucht Dr. Franz den Konflikt. Denen nimmt er nun nach ihren Meilen in der neuen Germanwings die innereuropäische Business Class und reduziert somit durch vernichtete Sammelmöglichkeiten den HON Circle.

Dem Vertriebspartner Reisebüros ging es auch schon an den Kragen. Wo man hinsieht, verbrannte Erde.

Denn auch die Piloten sind verschnupft, deren Gewerkschaft Vereinigung Cockpit wartet gespannt auf Vorschläge der Geschäftsführung, wie es für 300 Lufthansa-Piloten, die nun bei Germanwings gebraucht würden, weitergehen soll.

Auch hier haut – natürlich rein zufällig zur gleichen Zeit – Lufthansa einen Pflock in den Boden: Die Pilotenausbildung wird wegen Pilotenüberschuß 2013 ausgesetzt.

Zusammen mit der Ankündigung, wegen nicht erreichter Wachstumsziele bei Lufthansa massiv Stellen abbauen zu müssen, ist das in einer Schlichtung und dem aufziehenden Tarifgespräch mit der Vereinigung Cockpit wie Nicoley Baublies im Spiegel treffend sagte, zusätzliches Erpressungspotential. Im Berliner Tagesspiegel stellt er klar:

Man sei bereit, für jeden einzelnen Job, den die Lufthansa „durch Erpressung oder Änderungskündigung“ infrage stelle, auf die Straße zu gehen

Ich bin erstmal gespannt, ob Professor Rürup, der Zweitgutachter der Dissertation von Dr. Franz und der Schlichter im Tarifkonflikt mit den Flugbegleitern, sich das gefallen lassen wird.

Nicoley Baublies sagte in der Welt sehr deutlich:

Die Schlichtung könnte daran scheitern

Und Dr. Franz bleibt bei seinem Reisekatalog- und Immobilienmaklerdeutsch:

Die Mitarbeiter von Germanwings bekommen immer noch besser dotierte Verträge als bei Konkurrenten wie Easyjet oder Air Berlin.

Für mich hat das die Logik eines Gammelfleischanbieters, der als Schutzbehauptung auf den Hunger in der Welt hinweist. Falls Ihnen in der Schlichtung die Bezugspunkte ausgehen, Herr Dr. Franz: Hartz IV-Empfänger bekommen auch noch weniger.

Dabei lässt Dr. Franz in der Hauspostille Lufthanseat sich sogar zitieren:

Wir haben die besten Mitarbeiter der Branche – um diese Qualität werden wir in der gesamten Industrie beneidet

Qualität hat nun mal ihren Preis. Wenn nach ihren eigenen Worten die Lufthansa Mitarbeiter besser sein sollen, als alle anderen in der Banche, dann sind sie auch besser als die von AirBerlin und Easyjet. Also haben sie auch einen höheren Preis.

Und auf den Service kommt es an, wie die Frankfurter Rundschau richtig feststellt.

Wenn man gerade mal die Kosten des Streiks gegenrechnet, erscheint mir das ganze Vorgehen unökonomisch. Zumal, wenn jetzt auch noch die Schlichtung platzt und weitere Streiks drohen.

Die Rücksichtslosigkeit und das Verprellen aller Beteiligten ist ein Verhaltensmuster, das sich wiederholt. Nur wird es im Tarifkonflikt durch die Vielzahl der Betroffenen und die heftige Auswirkung „Streik“ wesentlich öffentlicher. Deswegen solidarisieren sich jetzt gerade die, die sich nicht solidarisieren hätten sollen: Die Kunden und die Mitarbeiter. Und diese Unterstützung will Lufthansa wohl spalten, deshalb bekamen nach dem letzten Streik die Kunden einen 20 € Gutschein. Nach dem Motto: „Seht her, wir können nichts dafür.“

Ob diese Täuschung reicht?

Schließlich sind – und damit geht es zurück zum eigentlich Wochenrückblick – die Kunden alles andere als zufrieden. Auch wenn Dr. Franz gerne etwas anderes behauptet.

Diese unzufriedenen Kunden wandern ab. Und da bieten sich gerade die „bösen“ Golf-Carrier an. Qatar tritt der OneWorld bei, Etihad ist Anteilseigner der AirBerlin und wie AirBerlin Codeshare-Partner von AirFrance, Emirates ist mit der Qantas-Kooperation ein Volltreffer gelungen. Man munkelt gar, daß Qatar Airways und British Airways kooperieren wollen, um so das weggefallene Joint Venture von BA mit Qantas nach Australien zu kompensieren.

Da entsteht der Eindruck, als hätten die „bösen Araber“ noch Visionen. Visionen allerdings hält Dr. Franz für krankhaft. Da würde er eher einen Arzt aufsuchen, anstatt Zukunftsaussichten für Lufthansa zu entwickeln.

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Lufthansa-Vorstand weiter ohne Strategie

Schon zur Hauptversammlung mußte Dr. Franz zugeben, daß Lufthansa ohne Strategie auskommen muß. Statt Zielen, daraus abgeleiteten Strategien und deren operativen Umsatz in einer Taktik, gab er die operativ-hektische Parole aus, auf den Markt zu reagieren.

Und so irrt Lufthansa ziellos durch SCORE. Das Handelsblatt nannte das auf der Titelseite den „Irrflug der Lufthansa“ und zerlegte die fehlende Weitsicht auf vielen Seiten. Auch das Manager Magazin schlug in diese Kerbe. Aber anscheinend hat der Aufsichtsrat den Vorstandsvorsitzenden noch nicht ins Gebet genommen, denn letzten Donnerstag, vor dem Streik, erklärte Dr. Franz Marietta Slomka, der deutlich anzumerken war, wie sie unter den schlechten Antworten litt, im Heute Journal seine „Strategie“.

Da holte er weit aus, beschrieb, wie schwierig der Markt doch dank Wettbewerb, insbesondere natürlich den schlimmen Billigfliegern und den bösen, bösen Arabern sowie der hohen Ölpreise sei.

Herr Dr. Franz, das ist eine Lagebeschreibung, aber keine Strategie. Auch ihre folgenden Worte taugen nicht dazu:

Wir müssen das Unternehmen zukunftsfähig aufstellen, sonst kommen wir in einen Schrumpfprozess und den können wir uns als Unternehmen nicht leisten.

Bestenfalls haben Sie damit ein Ziel ausgegeben. Nämlich das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Das allerdings auch sehr dürftig ist, denn es ist weder quantifizierbar noch meßbar. Es ist so schwammig wie Ihre Antworten in dem Interview.

Eine Strategie wäre ein „grobes Wie“, also eine Richtung, wie das Ziel erreicht werden könnte.

Dabei hat Ihnen Frau Slomka mit ihrer Fragestellung schon Hinweise gegeben:

[Was ist Ihre Strategie, Anm. T.E.] über bloße Einsparungen im Personalbereich hinaus, das ist ja auch nicht das Kreativste?

Da mag man jetzt streiten, ob „Sparen“ die Strategie und „Einsparungen im Personalbereich“ die Taktik sind, oder ob man „Einsparungen im Personalbereich“ auch noch als Strategie durchgehen lassen will. Doch mit Ihrer Antwort, Herr Dr. Franz, sind Sie ja noch nicht einmal in die Nähe gekommen.

Dabei gehört zum Berufsbild des Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsmitglieds, das sind Sie ja auch bei einigen Unternehmen, z.B. der Roche oder der Stadler Rail Group, eigentlich das Herausarbeiten von Strategien und deren operativ-taktische Umsetzung zu leiten.

Doch stattdessen verwechseln Sie auf der Hauptversammlung panisches Hinterherlaufen mit einer Strategie und jetzt im ersten Streik-Interview Ziele mit Strategien. Da überrascht es mich nicht, daß Lufthansa auf keinen grünen Zweig kommt.

Eigentlich müßten den Mitgliedern des Aufsichtsrats der Lufthansa die Haare zu Berge stehen und kalte Schauer den Rücken herablaufen, wenn sie solche Aussagen von ihnen hören.

Dazu kommt, wie Sie sich winden mußten, als Frau Slomka Sie nach einem Kontakt zum UFO-Vorstand Baublies fragt oder später nach der schlechten Stimmung im Unternehmen, Sie dann sogar unterbricht, weil Sie ablenken wollen. Das erweckt den Eindruck, als hätte Frau Slomka Sie mit der Hand im Honigtopf erwischt, sonst hätten Sie ja geradeheraus antworten können.

Was bringt der Streik?

Ich frage mich, was der aktuelle Streik dem Lufthansa-Vorstand bringt – außer alle gegen ihn auf? Die Flugbegleiter und Kunden kämpfen gemeinsam, die Reisebüros sind wegen Lufthansas Illoyalität sauer und auch die Öffentlichkeit zweifelt an der Integrität des Vorstandes.

Wenn man die Streikkosten den Forderungen gegenrechnet, lässt sich der Unsinn leicht erkennen: Die Flugbegleiter fordern unter anderem 5% mehr Gehalt, Lufthansa ist gewillt 3,5% mehr zu zahlen – behauptet sie zumindest.

Nimmt man sämtliche in der Passage 2011 gezahlten Gehälter, also 3.874.000.000 € und berechnet den Unterschied zwischen einer Erhöhung um 3,5% und 5% beträgt das 58.110.000 € / Jahr. Da hätten dann die Piloten, das Bodenpersonal usw. auch noch eine Gehaltserhöhung um 5% bekommen. Das wäre also die obere Grenze.

Von unten angenährt dürfte schon großzügig geschätzt das Durchschnittsgehalt eines Flugbegleiters bei 2.500 € liegen. Damit geht es für Lufthansa bei geschätzten 19.000 Flugbegleitern um 8.500.000 € / Jahr – noch nicht mal auf die Zahl der Flugbegleiter können sich UFO und Lufthansa einigen.

Schon der Streik am letzten Freitag hat Lufthansa angeblich mehrere Millionen gekostet, der am Dienstag dürfte deutlich teurer gewesen sein und der nächste Freitag, mit einem bundesweiten Ausstand, geht richtig ins Geld.

Beim Gehalt wird man sich nach einer Schlichtung vermutlich irgendwo in der Mitte zwischen 3,5% und 5% treffen. Es wird also nicht billiger.

Der Arbeitskampf rein ums Gehalt bringt Lufthansa also nichts. Er ist schon jetzt viel teurer als die mögliche Ersparnis.

Also könnte es sein, daß die Lufthansa-Behauptung, es geht um 3,5% statt 5% mehr Gehalt von der PR-Abteilung kunstvoll in Szene gesetzt wurde, um von anderen Punkten abzulenken. Das beherrscht die Lufthansa ja. Und siehe da, die Gewerkschaft kommt schon bei den Gehaltssteigerungen auf ganz andere Zahlen, die 3,5% wären Schönfärberei, wie sich aus den Streikaufrufen ergibt.

Es kann auch kurzfristig nicht um Einsparungen durch Leiharbeit gehen: Das Einstiegsgehalt bei Aviation Power sei dasselbe wie bei Lufthansa, nur ein Gehaltsanstieg fände langsamer oder gar nicht statt. Damit sind die möglichen Einsparungen für die übliche Dauer eines Tarifvertrags von 1-3 Jahren nicht viel, zumal die altgedienten und damit besser bezahlten Mitarbeiter sicher nicht freiwillig zur Aviation Power wechseln werden.

Der Vorstand könnte also problemlos auf Leiharbeit verzichten für die nächsten paar Jahre. Die Ersparnisse dadurch amortisieren die Streikkosten nicht. Es ist eh fraglich, ob es sinnvoll ist, den Mitarbeiter, den der Kunde sieht, der das Unternehmen für ihn ausmacht, outzusourcen.

Sogar Hardcore-Outsourcer empfehlen, das Kerngeschäft selbst zu leisten und nicht an Dritte zu vergeben. Wenn nicht die Fliegerei, was macht dann die Lufthansa Passage aus? Wieso also die Kernleistungserbringung aus dem Unternehmen verlagern?

Wohin die Auslagerung führt, sieht man beim „Kundenmonolog“: Wartezeiten, die verärgerte Kunden erst recht zum Kochen bringen, und dann noch sinnlose Textbausteine. Ich kann kaum erwarten, diese Verhältnisse auch im Flieger zu haben.

Was also bringt der Streik dem Lufthansa Vorstand, daß er so unökonomisch handelt? Eine Miles&More bedingte Irrationalität halte ich für unwahrscheinlich.

Ich vermute eher, es geht um Macht und Machtdemonstration. So wie in meinem Fall letztlich auch: Wir lassen uns doch nicht von einem Kunden in die Sparsuppe spucken.

Und wie schon in meinem Fall scheint der Vorstand gedacht zu haben, daß lautes Säbelrasseln dazu führt, daß die Gegenseite aufgibt. Blöd nur, daß Herr Baublies zum Streik als ultima ratio entschlossen war, genauso wie ich zur Klage.

Das hat der Vorstand jetzt von seinen Machtkämpfen, den externen – zusätzlich zu den internen: Einen Riesenstreik mit Schäden, die teurer sind als die gewünschten Vertragsbedingungen der Mitarbeiter und eine – auch für einen juristischen Laien erkennbar berechtigte – Klage, die sicher auch schon viel teurer ist, als jede außergerichtliche Einigung mit mir gekostet hätte.

Wer so sinnlos um Macht kämpft, dabei unökonomisch und zum erkennbaren Nachteil des Unternehmens handelt, der sollte von seinem Aufsichtsrat die Ohren langgezogen bekommen.