Weitere Strafanzeige gegen Lufthansa aufgetaucht – mit einigen Rechenfehlern

Ich bin ja nicht zimperlich mit Lufthansa und habe auch schon eine Strafanzeige wegen der Verdachtes auf Betrug im Kontext Meilenentwertung erstattet. Jetzt legt eine dritte Kanzlei nach, deren Namen ich rücksichtshalber nicht preisgeben werde, und verschickt eine von ihr erstattete Strafanzeige an einen großen Presseverteiler. Von dem fand sie dann ihren (Um-)Weg zu mir.

Die Anzeige hat jedoch einige grobe inhaltliche Fehler.

Erstens: Denkfehler

So stellen die anzeigenden Anwälte fest, daß Lufthansa pro Jahr 3 Milliarden Meilen an Kunden ausgibt. Das folgern sie messerscharf aus dem Bestand Ende 2010 und Ende 2011, dessen Differenz zufällig 3 Milliarden Meilen beträgt. Klar, wenn auf meinem Girokonto Ende des Monats 3 € mehr sind, beträgt mein Gehalt 3 €. Jeder weiß, daß diese 3 € die Differenz zwischen meinen Ein- und Ausgaben in dem Monat waren und überhaupt keine Aussage über den Vermögensfluß auf meinem Konto erlauben.

Genau diesen Fluß der Meilen legt Lufthansa auch nicht offen.

Wer sich allerdings die Mühe macht und abschätzt, kann anhand der Anzahl der HON Circle Mitglieder, Senatoren und Frequent Traveller und der Meilen, die allein diese Kundengruppe pro Jahr einfliegen muß, um ihren Status zu erlangen oder zu erhalten, sehen, daß allein deswegen mindestens 23,4 Milliarden Meilen ausgegeben werden.

Zweitens: Rechenfehler

Der zweite Fehler ist subtiler: Die Rückstellungen für Meilen sind in der Bilanz verteilt, zwischen passiven Rechnungsabgrenzungsposten und sonstigen finanziellen Verbindlichkeiten, die jeweils weiter in kurz- und langfristig untergliedert sind. Das ganze steht daher im Jahresbericht auf mehreren Seiten. Um den Gesamtwert zu berechnen, muß man die Posten addieren.

Das übersehen die anzeigenden Anwälte und dividieren stumpf nur durch die passiven Rechnungsabgrenzungsposten. Damit kommt als völlig verquerer Wert einer Meile 0,31 Cent heraus. Anstatt den kritisch zu prüfen (WorldShop-Niveau!), zaubern die Anwälte 0,8 Cent als „tatsächlich angenommenen Wert“ aus dem Zylinder. Also mein tatsächlich angenommener Wert liegt noch deutlich darüber, 0,8 Cent sind der aktuelle Bilanzwert, wenn man denn richtig rechnet.

Jetzt kommt ein grandioses Rechenkunststück: Weil der magische tatsächliche Wert mit 0,8 Cent phantasiert wurde, mußten die falsch errechneten 0,31 Cent verbraten werden. Angeblich ergibt sich aus dieser Differenz, daß 63% der Meilen nie in Anspruch genommen werden.

Und damit nimmt das Grauen seinen Lauf – wer schon im Ansatz falsch rechnet, landet bei falschen Ergebnissen.

Sicherlich kann man trotz fehlerhafter Rechnung diskutieren und Lufthansa unterstellen, sich möglicher Weise beim Bilanzwert verrechnet zu haben. Das ist berechtigt, es gibt viele Ungereimtheiten, so greift die Anzeige auch meine Feststellung auf, daß die im Verfahren 14 O 245/11 angegebene Meilenanzahl überhaupt nicht zu den bilanzierten Meilen passen kann.

Natürlich kann man, sollte der Vorstand die Meilen wirklich falsch bewertet haben, eine Bilanzfälschung vermuten. Aber vielleicht wäre es hilfreich gewesen, erstmal die Angaben auf der Hauptversammlung abzuwarten, die sich aus der Diskussion der Gegenanträge von Peter Dietrich und mir ergeben. Zum jetzigen Zeitpunkt finde ich das jedenfalls äußerst mutig, zumal mit den Rechenfehlern der Anwälte.

Adressatenkreis

Da sich die Anzeige auch auf die Bilanzierung in den Jahren vor dem Vorstandsvorsitz von Dr. Franz bezieht, müßten auch die vorhergehenden Vorstandsmitglieder als mögliche Tatverdächtige angegeben werden.

Untreue

Interessant ist, daß die Kanzlei im Rahmen der Anzeige auch nochmals die E-Mail aufgreift, die zu meiner Strafanzeige wegen des Verdachts auf Betrugs gegen Lufthansa geführt hat, sie aus dem Spiegel zitiert und wegen des Verdachts auf Untreue Anzeige erstattet. Das ist glatt durchargumentiert und auch nachvollziehbar. Der Teil ergänzt letztlich meine Anzeige um einen weiteren möglichen Straftatbestand.

Fazit

Die Bilanzfälschung jedoch, die hätte ich mir jetzt noch erspart. Wen es drängt draufzuhauen, der sollte wenigstens besser recherchieren. Dabei hätte sogar mein Blog geholfen. Denn hier erkläre ich gerade, wie der Bilanzwert zustande kommt.

So hat diese Anzeige einen faden Beigeschmack, sie wirkt etwas wie „wir wollen auch mitspielen“.

Das heißt nicht, daß ich überzeugt bin, daß die Meilen richtig bilanziert sind, nur die Fehler machen die Anzeige so angreifbar, daß sie womöglich der Sache mehr schadet als nutzt. Klar, jeder macht Fehler, ich auch. Doch gerade, weil der Vorwurf der Bilanzfälschung knackig ist, sollte die Anzeige sitzen.

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Der korrekte Bilanzwert

Ich muß nochmal auf den Artikel heute morgen in der Süddeutschen zurückkommen, meiner Heimatzeitung, schließlich bin ich ein Münchner in Hamburg. Der Bilanzwert war dort auch Thema, aufgrund des sehr schönen Gegenantrages von Peter Dietrich.

Peter Dietrich argumentiert, die Lufthansa habe in dem Verfahren 14 O 245/11 vor dem LG Köln vorgetragen, eine Meile sei 2,77 €-Cent wert. Im Urteil heißt es wörtlich auf Seite 6:

Der Gegenwert einer Prämienmeile wird von der Beklagten [in diesem Fall die Lufthansa, Anm. T.E.] mit 2,77 Cent und vom Kläger mit bis zu 17 Cent – so bei einem Flug von Frankfurt am Main nach Angola – angegeben.

Der Lufthansasprecher, der der Süddeutschen dazu anscheinend Auskunft gegeben hat, behauptet nun allerdings, laut Süddeutsche:

…die Angabe vor dem Landgericht beziehe sich auf ein vom Kläger entwickeltes Rechenmodell, das mit der tatsächlichen Praxis bei der Lufthansa nichts zu habe.

Dabei hat er offensichtlich die Verfahren verwechselt. Denn in dem Verfahren, aus dem die SZ zitiert, hat Lufthansa den Meilenwert selbst angegeben.

In meinem Verfahren haben wir auf Lufthansas Argument, ich könne meine Meilen ja im Worldshop umsetzen, dargelegt, daß, wer ökonomisch denken kann, Meilen im WorldShop kaum einlösen würde. Denn der Wert einer Meile aus Kundensicht ist auf First- und Business-Class-Flügen fast 20mal so hoch.

Diesen Kundenwert zu berechnen ist tatsächlich dank des Yield-Managements sehr komplex.

Der Kundenwert ist allerdings unabhängig vom Bilanzwert.

Allerdings überrascht schon, daß Lufthansa in der Bilanz eine Meile mit einem Wert von 0,80 €-Cent angibt, in diesem anderen, nicht meinen Verfahren, jedoch 2,77 €-Cent von sich aus behauptet. Wobei die Argumentation in Punkto Meilen in dem Verfahren durchaus an mehreren Stellen widersprüchlich war.

Auch irritiert, daß Lufthansa trotz der offensichtlichen Entwertung der Meilen um bis zu 1,8 €-Cent aus Kundensicht, den Bilanzwert der Meilen um 0,02 €-Cent angehoben hat. Denn eigentlich hätte er sinken müssen.

Das interpretiere ich als einen möglichen Hinweis, daß der bisherige Bilanzwert der Meilen zu niedrig war. Die Entwertung verdeckt dabei den wirklichen Bilanzeffekt.

Weil Lufthansa andererseits mir bis heute nicht mitteilen wollte, wieviele Meilen von den Kunden im WorldShop, Economy-Class, Business- und First-Class umgesetzt werden, und das offensichtlich auch Peter Dietrich nicht verraten hat, ist es schwierig, den Bilanzwert der Meilen zu prüfen.

In meinen Rechenmodellen liegt er deutlich über 0,8 €-Cent pro Meile. Allerdings leiden meine Modelle natürlich alle an der von Lufthansa vorenthaltenen Information, so daß ich nur Schätzwerte nutzen kann.

Lufthansa wird aber auf der Hauptversammlung am 8.5.2012 spätestens diese Berechnungsgrundlagen preisgegeben müssen. Denn sie sind zweifelsohne nötig, um den Gegenantrag von Peter Dietrich (und mögliche weitere Anträge) bewerten zu können. Damit ist der Vorstand verpflichtet, diese Informationen an die Anteilseigner zu geben.