Streik und Kunden

Heute ist der erste Streiktag der Flugbegleiter, in Frankfurt ging es um 5:00 Uhr früh los, ab 13:00 Uhr soll dann wieder gearbeitet werden. Bis dann aber die ganzen Maschinen neu sortiert sind, dürfte es etwas länger dauern.

„Zum Glück“ fallen bis jetzt nur innereuropäische Flüge aus, aber auch die können gerade als Zubringer zu einer Langstrecke schon die Pläne der Kunden massiv durcheinander wirbeln.

Der Streik ist also für die Kunden ein Riesenärgernis.

Und trotzdem kämpfen die Flugbegleiter letztlich für dasselbe wie wir Kunden: Wir wollen alle nicht, daß Lufthansa zum Billigflieger wird oder Flüge an einen hauseigenen Billiganbieter auslagert. Und wir haben alle das Vertrauen in den Vorstand verloren. Dieser Vertrauensverlust ist die Ebene, die meinen Fall mit dem Streik zusammenbringt.

Der Billigflieger, das zeigt Lufthansa gerade, ist ein Trick, um durch die Hintertür die Miles&More Statusvorteile zu beschneiden und um sich aus der Verantwortung zu stehlen: So kann man mit der Ausrede „das ist nicht Lufthansa“ die Kunden bei Problemen im Regen stehen lassen.

Die Flugbegleiter wenden sich aus einem anderen Blickwinkel gegen den innereuropäischen Billiganbieter. Sie müssen um ihre Jobs und ihren eh schon relativ geringen Lohn fürchten.

Die Ziele stehen nicht im Widerspruch, ganz im Gegenteil, ich habe gestern eine E-Mail einer Flugbegleiterin bekommen, in der sie schreibt, daß Dr. Franz das Lufthansa-Herzblut zu fehlen scheint, diese Überzeugung, für die Airline zu stehen. Diese unglaubliche Loyalität zum Konzern, die es nur bei wenigen Unternehmen gibt. Aus ihrer Sicht sei er ein reiner Zahlenmensch – und damit übt sie letztlich genau meine Kritik.

Lufthansa wird totgespart.

In einem Blog-Post moniert eine Stewardess, daß das Vertrauen dahin sei. Die Belegschaft könne dem Vorstand nicht mehr vertrauen.

In dasselbe Horn stößt ein angeblich offener Brief einer Flugbegleiterin, der auf Facebook kursiert. Auch hier ist der Tenor, daß die Belegschaft dem Vorstand nicht mehr vertraut.

Auch wir Kunden können das nicht. Uns werden immer wieder Geschichten erzählt, die sich leicht widerlegen lassen. Uns werden immer wieder Leistungen gestrichen, das Produkt wird verschlechtert. Die nicht-kommunizierte Meilenentwertung hat Vertrauen genommen, die Unanständigkeit später öffentlich zu behaupten, man habe rechtzeitig kommuniziert, erst recht.

Uns Kunden erzählt der Vorstand, fliegen müsse teurer werden, denn die Kerosinpreise steigen. Das ist zunächst glaubwürdig, passt aber vordergründig nicht zu immer mehr Werbeaktionen für 49 €-Tickets. Wir nehmen den Widerspruch wahr.

Wer ihn versucht aufzulösen, stellt fest: Mit den Billigtickets verfolgt Lufthansa wohl das langfristige Ziel, den kleinen Wettbewerber AirBerlin auszuhungern. Das ist eine Managemententscheidung, die zumindest kurz- und mittelfristig viel kostet. Damit erklären sich die aktuellen Verluste. Und das erzeugt den nächsten Widerspruch: Die Verluste sind also gewollt, wie können sie dann Folge zu hoher Personalkosten sein?

Hier fehlt die klare, offene und ehrliche Kommunikation, mit dem Eindruck stehe ich nicht alleine da, wie die Süddeutsche Zeitung bestätigt:

Jetzt, wo es zu Veränderungen kommen muss, offenbart sich besonders deutlich ein Mangel an Vertrauen und Kommunikation im Frankfurter Verkehrskonzern. […] Es ist evident, was zu tun wäre: offen zu kommunizieren. Das wäre die halbe Miete. Dann bestünde die Chance, die Mitarbeiter mitzunehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Lufthansa kommuniziert nicht mehr, sondern weniger.

Sogar das Vertrauen der Öffentlichkeit hat der Lufthansa-Vorstand verspielt. Die angeblichen Flugstreichungen wegen Nachtflugverbot in Frankfurt und der dritten Startbahn in München waren wenig glaubwürdig.

Und wie eine Strafanzeige, wenn auch mit Rechenfehlern, gegen den Lufthansa-Vorstand zeigt, zweifeln sogar die Aktionäre an der Ehrlichkeit: Der Vorwurf lautet auf Bilanzfälschung.

Offensichtlich vertraut sich der Vorstand auch selbst nicht mehr untereinander. Das Manager Magazin schreibt von Machtkämpfen, es muß also jeder auch noch auf seinen Selbstschutz achten. Wie soll da ein Unternehmen gedeihen können?

Der Vorstand hat sich wohl auch bei den Tarifverhandlungen mit der UFO so ungeschickt verhalten wie bisher. Schlecht seine Interessen kommuniziert, sich vielleicht auch mal selbst widersprochen und damit einfach weiter am Hauptproblem der aktuellen Lufthansa gearbeitet: Der fehlenden Authentizität.

Genau das löst jetzt auch den Streik aus. Einen Streik, bei dem aus meiner Sicht die Interessen der Flugbegleiter sich mit denen der Passagiere sogar decken, nur die Zugangswege unterschiedlich sind.

Einem Streik, dem vorher schon ein Streik der Kunden vorausging. Die haben nämlich den Anbieter gewechselt.

So wenig ich selbst durch einen Streik festhängen möchte, so wenig ich sogar in der Regel einen Streik gutheißen kann, kann ich hier gut nachvollziehen, daß das Vertrauen in den Lufthansavorstand so zerstört ist, daß es keinen anderen Weg mehr gab.

Der Vorstand kämpft an zu vielen Fronten und mit zu vielen Gegnern. Die Kunden, Mitarbeiter und Öffentlichkeit gleichzeitig zu verärgern, bei den Aktionären für Mißtrauen zu sorgen und sich dann auch noch intern aufarbeiten, das geht schief. Das ruiniert jedes Unternehmen. Da wäre jetzt der Aufsichtsrat gefordert. Denn offensichtlich schafft es der Vorstand nicht mehr, sich aus eigener Kraft aus der selbstgebauten Falle zu befreien.

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25 Gedanken zu „Streik und Kunden

  1. Man stelle sich nur vor – ein Schulterschluss zwischen treuen Kunden und (fliegendem) Personal mit dem Ziel der artgerechten (Er) Haltung, bzw. Renaturierung des Lebensraumes einer absehbar zum Aussterben verurteilten Spezies: dem blau-gelben Kranich! 😉 Danke für Ihren Einsatz und Ihre kritische Haltung!

  2. Vielen Dank. Sie haben zu 100% ins Lufthansa-Herz der Flugbegleiter getroffen. Wir kämpfen für unsere Premien-Airline und gegen Altersarmut.

  3. FB sagt: Vielen lieben Dank dafür. Sie als LH Passagier wissen worum es geht. Danke, Danke Danke!!!!

  4. Lieber Vielflieger! Wolle Sie unser neuer Chef sein? Unsere Unterstützung wäre Ihnen sicher!
    Von ♥ Danke!!!
    Eine Flugbegleiterin

  5. Auch von mir vielen Dank für Ihre sehr treffenden Worte. Wir FB werden gerne für den leider immer schlechter werdenden Service kritisiert, dabei ist uns sehr wohl bewusst, dass unsere Passagiere, insbesondere unsere Statuskunden letztendlich unsere Gehälter zahlen. Leider können wir nur das anbieten was uns zur Verfügung gestellt wird und das schrumpft immer mehr auf ein Minimum zusammen. Sich als Premium-Carrier titulieren und dann aber auf allen Gebieten wie eine Billig-Airline agieren passt weiß Gott nicht zusammen. Schön, dass es Kunden wie Sie gibt, die den gemeinsamen Nenner zwischen Kabinenpersonal und Passagieren erkennen. Letzten Endes wollen beide Gruppen dasselbe, wie Sie in Ihrem Blog bereits geschrieben haben. Nochmals, Danke!

  6. Oder wie eine Kollegin sagte, nachdem sie Ihren heutigen Post gelesen hatte:

    „Herr Eggendorfer, wollen Sie mein Chef werden?“ :*

  7. Ganz herzlichen Dank für Ihre Sichtweise !
    Sie sprechen uns aus der Seele !
    Ich fliege seit 1993 für Lufthansa und bin Lufthanseat mit Herzblut .
    Den eingeschlagenen Weg unser derzeitigen Konzernführung kann ich allerdings nicht nachvollziehen .
    Wir müssen uns gemeinsam auf die Hinterbeine stellen .
    Ich freue mich sehr über Ihre Stellungsnahme !!
    Mfg

  8. Ich bin froh über die hier verhassten Billigflieger. Da ich nur sehr selten aus Europa muss, nutze ich das gute Angebot z.B. von Germanwings 2-3 mal im Monat. Die Flugkosten bei der Lufthansa waren früher jenseits von Gut und Böse! Für Langstrecke versuche ich die Lufthansa zu umgehen. Z.B. Emirates ist mir sehr sympathisch oder auch viele der Asiaten. Bei LH muss man ständig fürchten, dass wieder eine der zahlreichen Randgruppen im Personal streikt, daher besser gleich auf andere Gesellschaften ausweichen.

    • Verhasst sind mir die Billigflieger nicht, sie haben ihre Daseinsberechtigung. Genauso wie McDonalds und Co, die Burger für 1 € verkaufen. Aber nicht jeder will in Fettgeruch sitzend Kohlenhydrate mit Fett schaufeln, sondern viele wollen qualitativ hochwertige Speisen in einem angenehmen Ambiente, weil sie essen wollen und nicht sich „beköstigen“. Einige wenige investieren sogar Summen, die einem halben Netto-Gehalt eines Flugbegleiters entsprechen, in ihre Speisen.
      Letztere sind First Class Passagiere, ohne Frage. Anständige Qualität für einen vernünftigen Preis jedoch ist das, was sich Economy und Economy-Plus Passagiere erwarten.
      Die Billigflieger bedienen ein anderes Marktsegment, nämlich die 1€-Burger-Kundschaft.
      Kein gutbürgerliches Restaurant, das war vor ein paar Jahren die LH-Economy, würde sich mit den Burgerbratern vergleichen und versuchen, deren Kostenstruktur zu kopieren und zu deren Preisen anzubieten. Erstaunlicher Weise funktioniert das sehr gut: Neben vielen dieser Schnellbeköstigungsanlagen existieren eine Vielzahl von Restaurants.
      Lufthansa versucht als gutbürgerliches Restaurant zu Burgerpreisen anzubieten. Jeder Gastronom würde sich da an den Kopf greifen.

      • Da ich sehr häufig gute und teuer Restaurants aufsuche, aber schon eine Ewigkeit – eigentlich schon seit Ende des Studiums – nicht mehr bei den oben genannten fast-food Ketten war, kann ich da nicht mitreden. Ich weiß auch nicht, ob man das so vergleichen kann. Essen ist die intimste Sache der Welt. Man führt dem Körper Speisen zu, die dieser zum Überleben braucht, weil aus der Nahrung die notwendige Energie gewonnen wird. Ein Flug ist eine einfache Dienstleistung, ich häufig beruflich in Anspruch nehmen muss. Wer mich transportiert ist mir solange egal, wie ich weiß, dass ich sicher zum Ziel komme. Aus diesem Grund würde ich z.B. nach den aktuellen Notlandungen von Ryanair ( Kerosinmangel )diese Gesellschaft meiden. Die Zeiten, in denen ein Flug etwas besonderes war – ein Event sozusagen – sind lange vorbei. Heute sind Flüge so was wie Taxi fahren. Da ist es auch egal, ob man in einem Mercedes oder VW zum Hotel gebracht wird.

      • Jeder Mensch hat unterschiedliche Präferenzen, für die er Geld ausgibt. Mir ist beim Flug ein guter Sitz wichtig, eine schnelle Security, effizienter Check-In, die Auswahl- und auch Vorauswahlmöglichkeit des Sitzes, das „Exception-Handling“, wenn Störungen vorliegen, angenehme Warteräume bei Umsteigern, sinvolle Ziel- und Startflughäfen. Hamburg ist nicht Lübeck, München nicht Memmingen und Frankfurt nicht Hahn. Und noch einig „Soft-Facts“ mehr. Das sind Leistungen, die mir Lufthansa früher geboten hat. RyanAir bietet das nicht.
        Dafür zahle ich gerne etwas mehr, genauso wie für anständiges Essen.
        Es gibt einen Markt für Billigflieger. Und einen für „normale“ Airlines, sowie für Premium. Krampfhaft in den Billigmarkt zu drängen ist sicherlich kein schlaues Vorgehen.

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  11. Herr Eggendorfer, sollten Sie jemals wieder auf LH umsteigen, dann sind sie schon jetzt HON, der Herzen, und zwar auf Lebenszeit!

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