Doch nochmal: Bilanzwert der Meilen

Jetzt muß ich doch nochmal auf dem Bilanzwert der Meilen herumrechnen. Wenn die anonyme Info stimmt, daß Lufthansa intern eine Meile mit 2,4 Cent bewertet, wie ließe sich dann der vergleichsweise niedrige Bilanzwert erklären, wenn man LH keine Bilanzfälschung unterstellen will?

Eine Möglichkeit ist die Annahme, daß 2/3 aller Meilen ungenutzt verfallen. Das wäre allerdings eine ganze Menge. Dazu schrieb mir gestern auch ein Leser einen ganz interessanten Kommentar, den ich weiter unten aufgreife.

Doch zunächst zu einem anderen Gedanken, auf den mich ein älterer Artikel brachte, den ich leider nicht mehr finde, der die Bilanzierung der Meilen bei American Airlines erläuterte. Deren Ansatz war eigen: Unter 25.000 AA-Miles kann man nichts kaufen, also fallen alle Konten mit einem niedrigeren Stand aus der Bilanzierung heraus.

Daher habe ich in den Lufthansa-WorldShop geschaut, um die Untergrenze zu finden. Dort gibt es eine Grußkarte für 1.000 Meilen und eine Geschenkverpackung für 2.000 Meilen als billigste Produkte. Die geben allerdings nur zusammen mit anderen Waren Sinn.

Die billigsten Einzelkäufe sind eine, meines Erachtens potthäßliche, Lufthansa-Computermaus oder ein TSA-Koffergurt für je 3.500 Meilen, zuzüglich Versand (5,50 € oder 1000 Meilen).

Das heißt, Lufthansa könnte alle Konten unter 3.500 Meilen bei der Bilanzierung als wertlos bewerten, so ähnlich, wie die brandeins bezüglich des Meilenwertes argumentierte.

Der günstigste Meilenflug, bei dem die Meilen keinen einen negativen Wert aus Kundensicht, für Lufthansa also keinen Nullwert erreichen, ist ein Business-Class-Flug innerhalb Europas. Dafür müssen 45.000 Meilen angelegt werden.

Das bedeutet, folgt man der Logik von American Airlines, daß Lufthansa Konten zwischen 3.500 Meilen und 45.000 Meilen zum WorldShop-Meilenwert bewerten kann. Für Economy-Flüge liegt der Meilenwert meist unter WorldShop-Niveau, so daß die unberücksichtigt bleiben können.

Ebenso gilt das für die günstigsten Upgrades, die bei 10.000 Meilen beginnen. Innereuropäisch ist der Nutzen minimal, der Mehraufwand für die Airline auch. Interessante Upgrades für die Kunden beginnen auf der Langstrecke und damit bei 30.000 Meilen.

Die nächste Wertsteigerung erfolgt, sobald FirstClass-Flüge möglich sind. Inneramerikanisch geht es mit 75.000 Meilen los. Daher müßten erst Konten über 75.000 Meilen mit der Möglichkeit von First-Class-Prämien bewertet werden.

Damit folgt als Abschätzung:

Meilenkontostand    Mischkalkulation aus
bis 3.500 0 €
3.500 – 30.000 WorldShop-Meilenwert
30.000 – 45.000 WorldShop-, Economy- und Upgrade-Meilenwert
45.000 – 75.000 WorldShop-, Economy-, Business- und Upgrade-Meilenwert
ab 75.000 WorldShop-, Economy-, Business-, First- und Upgrade-Meilenwert

Ob allerdings der Ansatz so zulässig ist, ist eine andere Frage. Denn aus einem Konto mit 3.000 Meilen kann allein durch die Bestellung der Miles&More-Kreditkarte schnell eines mit 13.000 Meilen werden. Das heißt, es müßten in die Berechnung auch noch Erwartungen über die Kontenentwicklung einfließen.

Und jetzt kommt die Mail des Lesers von gestern ins Spiel. Er argumentierte: 2/3 aller Meilen könnten leicht verfallen, denn die meisten Kunden hätten ja kaum Meilen. Dem hielt ich entgegen, daß man allgemein annimmt, daß ca. 20% der Kunden 80% des Umsatzes machen. Also müßten grob auch 20% der Kunden 80% der Meilen haben. Das heißt, 160 Milliarden Meilen verteilen sich auf 4 Millionen Konten mit einem mittleren Kontostand von 40.000 Meilen. Die restlichen 40 Milliarden Meilen verteilen sich dann auf Konten mit einem Stand von ca. 2.500 Meilen bei 16 Millionen Kunden. Auch wenn Lufthansa in LG Köln 14 O 245/11 stumpf alle Meilen über alle Kunden verteilte und sich sogar dabei noch verrechnete.

Wer viele Meilen hat, wird sich eher um deren Verfall sorgen und typisch auch einen Status erreicht haben. Wer Meilen als Zahlungsmittel erwirbt, ohne einen Status zu haben, gibt sie auch aus. Denn Lufthansa verzinst ganz miserabel. Daher dürfte bei diesen, für die Bilanz wesentlichen Kunden, der Verfall eher gering sein.

Wenn ich all das berücksichtige, dann scheint es mir so, als sei die American Airlines Idee wegen des WorldShops für Lufthansas Bilanz nur schwer zu übertragen und der Aufwand viel zu hoch. Da könnte eine Kalkulation mit den Erfahrungswerten über den Verfall der Meilen insgesamt und dem üblichen Einlöseverhalten schneller und genauso gut geschätzt sein.

Denn letztendlich sind diese Bilanzpositionen alles Schätzwerte. Nur könnten grobe Schätzfehler für Lufthansa wirtschaftlich fatal sein. Daher lohnt es, die Schätzung zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Im Interesse der Anteilseigner, also der Aktionäre – und letztlich auch der Kunden. Denn hat Lufthansa die voraussichtlichen Prämienkosten unterschätzt, müßte sie Prämien künstlich verknappen, damit der Fehler nicht auffällt. Künstlich knappe Prämien führen aber zu verärgerten Kunden und damit wiederum langfristig zu einem Umsatzrückgang, der wiederum den Anteilseignern nicht gefallen kann.

Damit ergeben sich noch zusätzliche Fragen an den Vorstand auf der Hauptversammlung:

  • Welcher Anteil der Miles&More-Mitglieder hat Meilenkontenstände über 3.500, 30.000, 45.000 und 75.000 Meilen?
  • Berücksichtig Lufthansa bei der Bilanzierung die Einlösemöglichkeiten der Kunden?
  • Welcher Anteil der 21 Millionen Miles&More-Mitglieder ist aktiv genug, um überhaupt die Plastikkarte zu erhalten, die erst ab 3.000 Meilen vergeben wird?
  • Wieviele Kunden sind durch Status und / oder Kreditkarte vor dem Meilenverfall geschützt?

Weitere Artikel zum Bilanzwert der Meilen:

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3 Gedanken zu „Doch nochmal: Bilanzwert der Meilen

  1. Wenn ich das alles lese frage ich mich ob das Meilensammeln bei LH, hab im Januar nach Jobwechsel wieder angefangen zu sammeln und international economy zu fliegen, sich wirklich lohnt. War schon mal FT, fast Senator, aber durch viele Jahre kaum oder keine Flüge wieder am Anfang. Die Kreditkarte will ich eigentlich auch nicht mehr, da sich die Konditionen aus meiner Sicht verschlechtert haben und ich schon 3 habe andere.

    • Die richtige Antwort auf Ihre Frage habe ich nicht. Einerseits lohnt sich das Sammeln, denn Sie haben die Meilen mit Ihrem Ticket bezahlt. Es wäre also unsinnig, den Rabatt nicht zu nutzen, den Ihnen Miles&More gewährt.

      Andererseits sind die Konditionen tatsächlich schlechter geworden, viele Leser berichten mir auch von deutlich verschlechterten Award-Verfügbarkeiten. Miles&More dient auch der Datensammlung über Sie, wobei ich überzeugt bin, daß Lufthansa Ihre Flugdaten auch ohne Karte kennt.

      Für mich waren letztlich viele Kleinigkeiten, die sich kumuliert haben, und dann diese unverschämte Entwertung der Grund, Lufthansa komplett zu meiden. Damit stellt sich die Frage nach Meilensammeln bei Lufthansa nicht mehr.

      Zusammengefasst: Sie schaden sich sicherlich nicht, wenn Sie die Meilen zunächst ohne Kreditkarte sammeln, dann in 2,5 Jahren prüfen, ob Sie für Ihre Sammlung einen Award-Flug bekommen können, notfalls für ein Jahr den Verfall mit der Kreditkarte aussetzen, wenn nur noch wenige Meilen fehlen.

  2. Pingback: Wochenrückblick und Hauptversammlungsausblick | meilenschwund.de

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